pwpwpw
Der Chaos Computer Club provoziert Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und veröffentlicht seinen Fingerabdruck.
Von FOCUS-Online-Autor Torsten Kleinz
Eigentlich sieht die „Datenschleuder“ harmlos aus: eine kleines Heft im DIN-A5-Format, 58 Seiten stark – mehr Schülerzeitung als Fachzeitschrift. Und doch birgt das Heftchen, das am Montag in den Briefkästen von über 2000 Mitgliedern des Chaos Computer Clubs (CCC) liegt, erheblichen politischen Sprengstoff. Auf der letzten Seite haben die Hacker ein „biometrisches Sammelalbum“ abgedruckt – darin der Fingerabdruck von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Deutschlands größter Hacker-Verein protestiert damit gegen die Speicherung von Fingerabdrücken in elektronischen Reisepässen und Personalausweisen. Die Provokation ist nicht ohne rechtliches Risiko.
Die Hacker beließen es nicht bei einem Abdruck des biometrischen Kennzeichens. Als „Gimmick“ legten sie dem Heft auch ein kleines Stückchen Folie bei – eine Attrappe des Fingerabdrucks des Ministers. Wer diese Folie auf die eigene Fingerkuppe klebt, könne sich an Fingerabdruck-Scannern als Wolfgang Schäuble identifizieren.
Fingerabdruck vom Wasserglas
Die Hacker versichern, dass der Fingerabdruck echt ist: „Ein Sympathisant des CCC gelangte an ein Glas, an dem Herr Schäuble seine Fingerabdrücke hinterlassen hat“, erklärt Club-Sprecher Dirk Engling. Die Hacker sicherten die Fingerabdrücke, identifizierten den Abdruck von Schäubles rechtem Zeigefinger und produzierten daraus eine Attrappe.
Für die Hacker ist das nur der erste Streich: In der „Datenschleuder“ veröffentlichen sie auch eine Wunschliste von mehreren Personen, deren Fingerabdrücke sie gerne in ihr „biometrisches Sammelalbum“ kleben würden. Mit auf der Liste: Schäubles Amtsvorgänger Otto Schily (SPD), der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) und BKA-Präsident Jörg Ziercke. Neben diesem Wunschzettel publiziert der CCC auch gleich eine Anleitung, wie man Gläser mit den gewünschten Fingerabdrücken unbeschadet an die „Datenschleuder“-Redaktion schicken kann.
„Ein warnendes Zeichen setzen“
In nächtelanger Kleinarbeit haben die Hacker in jedes der insgesamt 4000 Hefte die Folie mit Schäubles Fingerabdrücken geklebt. Das Magazin widmet sich in der aktuellen Ausgabe ausschließlich dem Thema „Überwachung“. „Wir wollen damit ein warnendes Zeichen setzen“, erklärt Engling im Gespräch mit FOCUS Online.
Ziel der Kritik ist der so genannte „E-Pass“: Seit November muss sich jeder Bundesbürger für einen neuen Personalausweis Fingerabdrücke abnehmen lassen. Das biometrische Identifikationsmerkmal wird auf einem elektronischen Chip im Ausweis gespeichert und kann per Funk ausgelesen werden.
Datenschutzbeauftragte sind skeptisch
Nicht nur der Chaos Computer Club kritisiert diese Praxis. So verweisen die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder auf die mangelnde Sicherheit des E-Passes. Zwar sollen die Chips mit den brisanten Daten gegen unbefugten Zugriff geschützt sein, die Datenschützer sehen aber deutliche Sicherheitslücken. Die Kritik zieht inzwischen Kreise: Die Schriftstellerin Juli Zeh hat bereits Ende Januar Verfassungsbeschwerde gegen die E-Pässe mit Fingerabdruck eingereicht.
Auch Firmen nutzen Fingerabdrücke
Unterdessen wird der Fingerabdruck auch von Firmen immer öfter genutzt. Viele Notebooks verhindern heute schon mittels Fingerabdruck-Scanner unbefugte Zugriffe. Die Betreiber des britischen Flughafens Heathrow wollten am neu eröffneten Terminal 5 gar von jedem Passagier Fingerabdrücke nehmen. Erst nach massiven öffentlichen Protesten wurde das Vorhaben fallen gelassen – vorerst.
Für die Hacker ist das ein unhaltbarer Zustand. „Wir wollen zeigen, dass Fingerabdrücke nicht so sicher sind, wie immer behauptet wird. Sie gehören in keine sicherheitskritische Anwendung – und erst recht nicht in den E-Pass“, sagt Engling. Dass der Chaos Computer Club mit der Veröffentlichung möglicherweise gegen das Bundesdatenschutzgesetz verstößt, sieht Engling angesichts dieser Entwicklungen gelassen. So habe gerade das Bundesinnenministerium vor Einführung des E-Passes darauf verwiesen, dass es kaum Unterschiede zwischen einem Passfoto und dem elektronisch gespeicherten Fingerabdruck gebe: „Unser Anwalt sieht keine Handhabe gegen die Veröffentlichung des Fingerabdrucks in der ‚Datenschleuder’.“
Anzeigen drohen
Die Auffassung wird nicht von allen Juristen geteilt. „Beim Einsammeln der Fingerabdrücke und deren Verwendung bis hin zur Herstellung einer Fingerabdruckattrappe besteht die Gefahr, eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine Straftat zu begehen“, erklärt der Anwalt Ulrich Wehner von der Berliner Kanzlei Buchheim und Partner. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die betroffenen Politiker und Strafverfolger versuchen werden, die Veröffentlichung mit dem üblichen presserechtlichen Instrumentarium zu unterbinden und auch Strafanzeige erstatten werden.“
Die Aktion zeige deutlich die Probleme der Nutzung biometrischer Daten, erklärt Wehner. „Wenn Bürger und Journalisten das tun, was staatlicherseits millionenfach und zunehmend durch Erhebung und Verwendung biometrischer Daten geschieht, steht unter Umständen der Staatsanwalt vor der Tür.“
Quelle: Bericht @ Focus.de
Von FOCUS-Online-Autor Torsten Kleinz
Eigentlich sieht die „Datenschleuder“ harmlos aus: eine kleines Heft im DIN-A5-Format, 58 Seiten stark – mehr Schülerzeitung als Fachzeitschrift. Und doch birgt das Heftchen, das am Montag in den Briefkästen von über 2000 Mitgliedern des Chaos Computer Clubs (CCC) liegt, erheblichen politischen Sprengstoff. Auf der letzten Seite haben die Hacker ein „biometrisches Sammelalbum“ abgedruckt – darin der Fingerabdruck von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Deutschlands größter Hacker-Verein protestiert damit gegen die Speicherung von Fingerabdrücken in elektronischen Reisepässen und Personalausweisen. Die Provokation ist nicht ohne rechtliches Risiko.
Die Hacker beließen es nicht bei einem Abdruck des biometrischen Kennzeichens. Als „Gimmick“ legten sie dem Heft auch ein kleines Stückchen Folie bei – eine Attrappe des Fingerabdrucks des Ministers. Wer diese Folie auf die eigene Fingerkuppe klebt, könne sich an Fingerabdruck-Scannern als Wolfgang Schäuble identifizieren.
Fingerabdruck vom Wasserglas
Die Hacker versichern, dass der Fingerabdruck echt ist: „Ein Sympathisant des CCC gelangte an ein Glas, an dem Herr Schäuble seine Fingerabdrücke hinterlassen hat“, erklärt Club-Sprecher Dirk Engling. Die Hacker sicherten die Fingerabdrücke, identifizierten den Abdruck von Schäubles rechtem Zeigefinger und produzierten daraus eine Attrappe.
Für die Hacker ist das nur der erste Streich: In der „Datenschleuder“ veröffentlichen sie auch eine Wunschliste von mehreren Personen, deren Fingerabdrücke sie gerne in ihr „biometrisches Sammelalbum“ kleben würden. Mit auf der Liste: Schäubles Amtsvorgänger Otto Schily (SPD), der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) und BKA-Präsident Jörg Ziercke. Neben diesem Wunschzettel publiziert der CCC auch gleich eine Anleitung, wie man Gläser mit den gewünschten Fingerabdrücken unbeschadet an die „Datenschleuder“-Redaktion schicken kann.
„Ein warnendes Zeichen setzen“
In nächtelanger Kleinarbeit haben die Hacker in jedes der insgesamt 4000 Hefte die Folie mit Schäubles Fingerabdrücken geklebt. Das Magazin widmet sich in der aktuellen Ausgabe ausschließlich dem Thema „Überwachung“. „Wir wollen damit ein warnendes Zeichen setzen“, erklärt Engling im Gespräch mit FOCUS Online.
Ziel der Kritik ist der so genannte „E-Pass“: Seit November muss sich jeder Bundesbürger für einen neuen Personalausweis Fingerabdrücke abnehmen lassen. Das biometrische Identifikationsmerkmal wird auf einem elektronischen Chip im Ausweis gespeichert und kann per Funk ausgelesen werden.
Datenschutzbeauftragte sind skeptisch
Nicht nur der Chaos Computer Club kritisiert diese Praxis. So verweisen die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder auf die mangelnde Sicherheit des E-Passes. Zwar sollen die Chips mit den brisanten Daten gegen unbefugten Zugriff geschützt sein, die Datenschützer sehen aber deutliche Sicherheitslücken. Die Kritik zieht inzwischen Kreise: Die Schriftstellerin Juli Zeh hat bereits Ende Januar Verfassungsbeschwerde gegen die E-Pässe mit Fingerabdruck eingereicht.
Auch Firmen nutzen Fingerabdrücke
Unterdessen wird der Fingerabdruck auch von Firmen immer öfter genutzt. Viele Notebooks verhindern heute schon mittels Fingerabdruck-Scanner unbefugte Zugriffe. Die Betreiber des britischen Flughafens Heathrow wollten am neu eröffneten Terminal 5 gar von jedem Passagier Fingerabdrücke nehmen. Erst nach massiven öffentlichen Protesten wurde das Vorhaben fallen gelassen – vorerst.
Für die Hacker ist das ein unhaltbarer Zustand. „Wir wollen zeigen, dass Fingerabdrücke nicht so sicher sind, wie immer behauptet wird. Sie gehören in keine sicherheitskritische Anwendung – und erst recht nicht in den E-Pass“, sagt Engling. Dass der Chaos Computer Club mit der Veröffentlichung möglicherweise gegen das Bundesdatenschutzgesetz verstößt, sieht Engling angesichts dieser Entwicklungen gelassen. So habe gerade das Bundesinnenministerium vor Einführung des E-Passes darauf verwiesen, dass es kaum Unterschiede zwischen einem Passfoto und dem elektronisch gespeicherten Fingerabdruck gebe: „Unser Anwalt sieht keine Handhabe gegen die Veröffentlichung des Fingerabdrucks in der ‚Datenschleuder’.“
Anzeigen drohen
Die Auffassung wird nicht von allen Juristen geteilt. „Beim Einsammeln der Fingerabdrücke und deren Verwendung bis hin zur Herstellung einer Fingerabdruckattrappe besteht die Gefahr, eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine Straftat zu begehen“, erklärt der Anwalt Ulrich Wehner von der Berliner Kanzlei Buchheim und Partner. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die betroffenen Politiker und Strafverfolger versuchen werden, die Veröffentlichung mit dem üblichen presserechtlichen Instrumentarium zu unterbinden und auch Strafanzeige erstatten werden.“
Die Aktion zeige deutlich die Probleme der Nutzung biometrischer Daten, erklärt Wehner. „Wenn Bürger und Journalisten das tun, was staatlicherseits millionenfach und zunehmend durch Erhebung und Verwendung biometrischer Daten geschieht, steht unter Umständen der Staatsanwalt vor der Tür.“
Quelle: Bericht @ Focus.de