WoW / Betrug:Millionenschaden durch Roboter-Tool

lordbuck
Ein Gerichtsverfahren der eher bizarren Sorte: Ein Spielebetreiber verklagt den Anbieter einer Software, die Online-Gamern das Spielen abnimmt. Der World of Warcraft-Roboter hat seinem Schöpfer Millionen eingebracht - und die will das Unternehmen Blizzard nun haben.

Mike Donelly hat etwas Paradoxes geschafft. Er verdient Geld damit, dass er anderen das Spielen eines Computerspiels erspart. So wie andere dafür bezahlt werden, im Winter vor anderer Leute Haustür Schnee zu schippen. Mike Donnelly verkauft einen World of Warcraft-Roboter, einen "Bot" - und verdiente Millionen damit. Deshalb geht Blizzard, der Betreiber des Online-Rollenspiels World of Warcraft (WoW), jetzt juristisch gegen ihn vor. Der Roboter, schreiben die Blizzard-Anwälte in einem Antrag an das Bezirksgericht in Arizona, "beschädigt schwerwiegend die WoW-Spielerfahrung für andere Spieler". Mehr noch, das Programm zerstöre "das Eintauchen in das Spiel und seine sozialen Aspekte" und unterminiere zudem das WoW-interne Wirtschaftssystem. "Opportunistische Betrüger" nutzten den Spielroboter und verdürben so "Blizzards loyalen und regeltreuen Kunden" den Spaß. Außerdem verletze "Glider", so heißt der Bot, das Urheberrecht von Blizzard.

110.000mal hat Donnelly "Glider" nach eigenen Angaben bislang verkauft und damit über 2,8 Millionen Dollar verdient. WoW hat über 10 Millionen zahlende Nutzer. Die Frage ist: Wenn das Spiel so viel Spaß macht, wie man bei Blizzard glaubt, warum geben so viele Menschen dann nicht nur Geld für die monatlichen Abonnementgebühren aus - in Deutschland sind es 11 bis 13 Euro im Monat -, sondern bezahlen dann noch ein zweites Mal, damit ihnen ein Stück Software das Spielen abnimmt? Glider kostet 25 Dollar, die "Elite"-Version mit einigen Extras noch einmal fünf Dollar Abogebühr pro Monat. Für Christoph Wirth ist die Sache klar: "Das Spiel besteht hauptsächlich aus eintönigem Gefarme, eintönigen Quests", sagt der Neunzehnjährige. Wirth ist Glider-Wiederverkäufer - er betreibt ein deutsches Webforum, über das er für 30 Euro pro Stück Kopien von Donnellys Software vertreibt. "Farming" nennen WoW-Spieler das wiederholte Ausführen bestimmter Aufgaben, um an Spielwerte wie Gold zu kommen: immer wieder an einer bestimmten Stelle im Spiel Mineralien abbauen oder immer wieder in einer bestimmten Region Monster erschlagen.

Viele neu hinzukommende Spielinhalte, schrieb Donnelly, seien erst mit der derzeit höchsten Spielstufe zugänglich, Level 70. Es sei, erklärte der Entwickler, als ob diese Inhalte für sehr fortgeschrittene Spieler "unter einem Haufen Schnee vergraben" sei. "Die Leute sind einfach nur für eine gewisse Zeit bereit zu graben, bis sie eine Schaufel kaufen möchten." Das "eintönige Gefarme" nimmt Glider dem Spieler ab - der Roboter verdient gewissermaßen Spielgeld, während der Spieler schläft, Hausaufgaben macht oder sich mit Freunden trifft. Das Programm steuert die Spielfigur auf einem vorgegebenen Pfad und führt an den richtigen Stellen immer wieder die gleichen Aktionen aus. Tiger erschlagen - Fell verkaufen zum Beispiel. Das Programm habe den Effekt, "als ob ich davor sitze und die Tasten drücke", erklärt Wirth.

Aber sollte das Tastendrücken nicht eigentlich Spaß machen? Ist das nicht der Witz an einem Computerspiel? Von Blizzard war, unter Verweis auf den laufenden juristischen Vorgang, kein Kommentar zum Thema zu bekommen. Christoph Wirth, der inzwischen kaum noch aktiv WoW spielt, sagt: "Die meisten wollen einfach den Anschluss nicht verlieren, die Kollegen in der Gilde nicht im Stich lassen." Das ist ein Thema, das auch Deutschlands Jugendschützer im Augenblick vermehrt umtreibt: Gerade Online-Spiele haben durch ihre soziale Komponente auf manchen Spieler eine Sogwirkung, die dafür sorgt, dass immer mehr Zeit in das Spiel investiert wird. Die üblichen Klischees vom quasi autistischen Gamer vor dem Monitor greifen hier aber nicht. Was die Spieler bei der Stange hält, sind die Kollegen: die anderen Spieler in der eigenen Gilde. Das ist ein Zusammenschluss von Spielern, der gemeinsam Jagd auf immer größere und gefährlichere Monster macht.

Um bei einem "Raid", einer großen Attacke auf ein schwieriges Ziel, seinen Elf oder Zwerg stehen zu können, muss man in bester Verfassung sein - und dazu braucht man vor allem Spielgeld: Um Zaubertränke zu kaufen oder die eigene Ausrüstung reparieren zu lassen, denn all das ist kostenpflichtig. Wer das eigene Team nicht enttäuschen will, muss also "farmen" - der soziale Druck verwandelt einen Gutteil der Freizeitbeschäftigung in notwendige Arbeit. Ob das schon reicht, um von einer Online-Rollenspielsucht zu reden, wird unter Psychologen und Psychiatern derzeit intensiv diskutiert. Wirth ist sich jedenfalls sicher: "Es gibt viele, die schon WoW-süchtig sind - der Bot ist eine gute Möglichkeit, ein bisschen wegzukommen."

Manche nutzen ihn allerdings auch zum Geldverdienen: weil man WoW-Werte, etwa bei eBay, durchaus in echtes Geld umsetzen kann. Über die Auktionsplattform und andere, speziell für diesen Zweck eingerichtete Webseiten kann man sich Spielgeld kaufen - es wird der eigenen Spielfigur dann in der Spielwelt von einem Mittelsmann übergeben. Das verbietet Blizzard eigentlich - kann es aber augenscheinlich nicht unterbinden. "Wir haben bei uns im Forum auch einige, die das gewerblich machen", sagt Wirth. Bis zu sechsmal könne man WoW auf einem schnellen Rechner parallel laufen lassen - und mit einer "Elite"-Lizenz kann Glider vier Spielfiguren parallel führen. Grob überschlagen kann man mit sechs parallel laufenden Accounts mit ein bisschen Geschick 20 Euro am Tag oder mehr verdienen. Das ist ein schönes Extra-Taschengeld, auch wenn man die Abonnementkosten abzieht.

Die Profi-"Botter" gefährden sogar Arbeitsplätze - in China. Denn dort ist "Goldfarming" ein echter Beruf, Spezialunternehmen verkaufen Spielgeld für echtes. Wenn sein Produkt diesen Unternehmern schade, sei ihm das durchaus recht, sagt Donnelly. Die Art, wie sie im Spiel für ihre Dienste werben, "widert uns an", sagt der Unternehmer, der eigenen Angaben zufolge immer noch viel WoW spielt und zahlreiche parallele Accounts unterhält. Obwohl das - ebenso wie der Einsatz von Bots wie Glider - gegen die Nutzungsbedingungen verstößt, gibt es diesen Markt, Zeit gegen Geld, seit langem. Viele WoW-Spieler sind von alledem dennoch gar nicht begeistert. Blizzard führt über 460.000 Beschwerden ins Feld, die man von zahlenden Kunden über die Bot-Benutzer bekommen habe. Ein Problem sieht man dort aber auch im Finanziellen: Die automatisierte Spielhilfe verkürze die Zeit, die ein Spieler braucht, um ans Ziel zu kommen, so die Anwälte des Spielebetreibers.

"Ein typischer menschlicher Spieler, der im Schnitt zwei Stunden am Tag spielt, würde acht Monate brauchen, den höchsten Level zu erreichen", so der Antrag der Anwälte, "ein Glider-Nutzer kann den Bot laufen lassen und den gleichen Level in weniger als einem Monat erreichen." Verrechnete man das mit den Abonnementgebühren, käme man bei 100.000 verkauften Glider-Programmen auf einen ein Schaden von 10,5 Millionen Dollar. Blizzard will deshalb nicht nur, dass Donnelly aufhört, Glider zu vertreiben - das Unternehmen will auch seine gesamten Einkünfte einziehen. Zu diesem Zweck bemühen die Blizzard-Anwälte eine ungewöhnliche juristische Konstruktion: Weil Glider angeblich Teile der WoW-Zugangssoftware in den Arbeitsspeicher des Nutzers kopiert, bringe Donnelly seine Kunden zu einer Copyright-Verletzung. Und wer eine solche nachweisen kann, hat nach US-Recht auch Regressansprüche. Am 24. April geht der Prozess in die nächste Runde - Donnellys Anwälte haben einen Gegenantrag gestellt und hoffen auf Abweisung der Klage. Am Ende wird Glider möglicherweise trotzdem Geschichte sein - aber bis dahin wird der Roboter womöglich noch dem einen oder anderen World of Warcraft-Arbeiter ein bisschen Freizeit verschaffen. Christoph Wirth sagt: "Viele schaffen den Ausstieg aus dem Spiel erst durch den Bot - weil sie merken, wie sinnlos es ist. Aber man will eben oben dabei sein."
Bericht und Quelle:
http://spiele.t-online.de/c/14/84/45/12/14844512.html